2019-02-15

Ich bin froh hochsensibel zu sein

Anfangs hieß die Überschrift zu diesem Beitrag "Wenn ich nicht hochsensibel wär". Dieser lag schon länger in meinen Entwürfen. Ich hatte ihn aber noch nicht mit Inhalt gefüllt. Darüber schreiben wollte ich aber schon länger. Dann las ich den Artikel von Jasmin von HealthyHabits "Pille gegen Hochsensibilität", in dem sie davon schreibt, ob sie, wenn es ein Medikament gegen Hochsensibilität gäbe, es auch nehmen würde. Und das brachte mich wieder zu meinen Gedanken: Wer wäre ich, wenn ich nicht hochsensibel wär? Am Ende des Beitrags entschied ich mich aber die Überschrift in "Ich bin froh hochsensibel zu sein" umzubenennen, denn letztendlich kommt es nicht darauf an, wer ich nicht bin, sondern nur wer ich bin.

Noch bevor ich wusste, dass ich hochsensibel bin, also, bevor ich wusste, dass meine Wesensart so genannt wird, wünschte ich mir, dass ich mich nicht so verkehrt in dieser Welt fühlte und einfach mehr Selbstbewusstsein hätte, um u.a. auch im Berufsleben klar zu kommen. Merkwürdigerweise war diese innere Unsicherheit nicht für andere ersichtlich. Sie hegten keinen Zweifel daran, dass ich mit genügend Selbstbewusstsein ausgestattet war, um mich zu behaupten, hatte ich doch keine Probleme im sozialen Kontakt mit anderen Menschen. Ich war und bin zwar nicht gerne im Mittelpunkt aber ich habe auch keine Behinderungen oder Auffälligkeiten, die mich als Sonderling hinstellen würden. Viele Jahre hat es mich gequält nicht zu wissen, was mit mir los war, denn es nur auf mangelndes Selbstbewusstsein zu reduzieren, traf nicht den Kern. Zwar war und ist das auch heute noch ein Thema bei mir aber ich weiß, dass die Thematik weit komplexer ist, seitdem ich mich mit Hochsensibilität, Introvertiertheit und verletztem inneren Kind beschäftige.

Doch alles sollte zu seiner Zeit kommen. Ich wäre damals für das Thema Hochsensibilität nicht bereit gewesen. Hielt ich mich doch immer für ziemlich taff. Moment. Das bin ich auch! 😉 Aber früher war ich auch rücksichtslos und teilweise ziemlich überheblich. Natürlich auch um meine innere Unsicherheit zu überspielen. Heute weiß ich, wäre ich nicht hochsensibel, wäre mein Leben wohl anders verlaufen. Meine Hochsensibilität hat mir die einmalige Chance gegeben mich auf eine Art und Weise mit mir selbst und mit meinem Umfeld zu beschäftigen, die mir die Augen öffnete auf dem Weg zu einem liebevollerem Umgang mit mir selbst und den Menschen um mich herum.

Man hört ja immer, dass HSPs so empfindsam, sensibel und einfühlsam sind. Das können sie durchaus sein. Aber sie können auch sehr rücksichtslos und ablehnend sein, wenn sie sich unverstanden fühlen oder überreizt und dadurch unausgeglichen sind. Ich war sehr viel überreizt. Und nun könnte man sicherlich damit argumentieren, dass ich als nicht Hochsensibler weniger überreizt gewesen wäre und somit auch ausgeglichener im Alltag, was dazu geführt hätte, dass ich auch rücksichtsvoller hätte mit meinen Mitmenschen umgehen können. Aber, wäre ich nicht hochsensibel, hätte ich nie diese Fähigkeit besessen, mich selbst so zu hinterfragen, mein Denken/Handeln und das anderer zu analysieren und zu reflektieren. Durch diese Eigenschaft habe ich sehr viel über mich und andere Menschen gelernt. Ich habe gelernt, mit mir selbst und anderen Menschen anders umzugehen, mich in Rücksicht und Achtsamkeit zu üben, Inne zuhalten.

Auch wenn ich viele Jahre unter meiner Hochsensibilität gelitten habe, so bin ich heute froh, dass ich hochsensibel bin auch wenn es Momente gibt, in denen sie zugegebenermaßen ziemlich auf den Wecker gehen kann. Reizüberflutung ist bei mir täglich ein Thema und ich werde jeden Tag ermahnt, achtsam mit mir und meinen Ressourcen umzugehen. Hochsensibilität bedeutet für mich aber auch ein enormes Entwicklungspotential und ich lerne zunehmend meine Stärken gezielt einzusetzen, was bereits zu manch schönen Erlebnissen geführt hat und mich den Menschen und mir selbst näher gebracht hat.

Eine Pille gegen Hochsensibilität? Nein danke, nicht für mich! Ich verstehe aber Jasmins Gedankengang und ich unterstütze die Überlegung, dass eine Pille für den Notfall beruhigend wirken kann, aber ich finde den Gedanken trotzdem erschreckend, weil es mich so sehr an das Ausschalten von Symptomen erinnert, was wir täglich bei zahlreichen Krankheitsbildern tun. Kopfschmerzen? Hier, nimm' eine Pille, die beseitigt das Symptom. Aber eben nicht die Ursache. Ich bin ein Freund von Ursachenforschung. Warum habe ich Kopfschmerzen? Was kann ich tun, damit diese nicht mehr so häufig auftreten oder nur noch in abgeschwächter Form? Also: Was kann ich tun, damit Hochsensibilität für mich nicht mehr als Belastung empfunden wird? Was möchte mir diese Eigenschaft sagen? Warum bin ich mit ihr beschenkt worden?

... Den Feind zum Freund machen...

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